Der Kettenleser – „Iwans Weg“ von David Grade

Vor ein paar Jahren habe ich hier regelmäßig eine Rubrik namens „Kettenleser“ gepflegt, in der ich einige der Bücher, die ich gelesen habe, rezensiert habe. Wie so vieles andere auch ist diese eigentlich gar nicht schlechte Idee eingeschlafen. Aber „Iwans Weg“ von David Grade ist ein guter Grund, sie wiederzubeleben.

Warnung:

Diese Rezension enthält milde Spoiler.

Kurzfassung:

„Iwans Weg“ ist ein spannender Roman, der in der bekannten „Shadowrun“-Rollenspielwelt spielt. Er handelt von mehreren Unterschiedlichen (Meta-) Menschen, die über ihren gemeinsamen Wohnort – die Stadt Dortmund, genauer gesagt die Nordstadt, gelegen im Moloch des Rhein-Ruhr-Megaplexes und die Ankunft einiger fremdartiger Wesen schicksalshaft miteinander verknüpft werden.

Der Plot selbst ist eher im „Low-Power-Level“ angesiedelt, also eher „Verlierer und Kleingangster erledigen kleine, schmutzige Runs in der Vorstadt“ und nicht „Helden stoßen welterschütternde Ereignisse an“. Der Autor schafft viele emotionale Schnittstellen zu seinen Charakteren – wer sich darauf einlässt, für den wird der Roman sehr spannend, aber auch schmerzhaft sein. „Game Of Thrones“-Fans wissen, wovon ich rede. Die Welt ist grausam und hart, der Tod kommt schnell und unerwartet, Sentimentalitäten kann man sich in den Schatten nicht leisten.

Der Autor legt mehr Wert auf tiefgehende, menschlich und realistisch wirkende Charakter- und Millieuzeichnungen als auf bombastische Action-Sequenzen. Er zeichnet in bester Science-Fiction-Art Licht und Schatten (mit, genretypisch, mehr Gewicht auf Schatten) mögliche gesellschaftliche Entwicklungen, die mit zunehmender Technisierung und Verschmelzung von Mensch, Maschine und IT entstehen können. Aus Sicht des Shadowrun-Szenarios liegt der Fokus mehr auf dem mystischen bzw. Fantasy-Aspekt der Spielwelt – ein Großteil des Plots wird von „erwachten“ und „fremden“ Wesen bestimmt. Wer einen reinen Techno-Thriller erwartet, oder wer überhaupt nicht mit Fantasy-Elementen (Drachen! Feen! Magie!) klar kommt, sollte hier die Finger davon lassen. Wer damit klar kommt, der findet den Fantasy-Aspekt stimmungsmäßig genau so umgesetzt, wie ich es in Shadowrun erwarten würde: gleichzeitig banal alltäglich und mysteriös unverständlich.

Ich war begeistert und wünsche mir eine Fortsetzung, die die Geschichte mit den Plotfäden, die am Ende übrig bleiben, weiterstrickt.

(wichtig: siehe den Disclaimer am Ende)

 

Handlung:

„Iwans Weg“ wird vor allem durch seine Charaktere, sein Milieu und seine Stimmung definiert. Wir betrachten hier nicht die glamouröse Seite der Shadowrun-Welt – bis in die Augenbrauen vercyberte Straßensamurais, immer einen coolen Spruch auf den Lippen, mysteriöse Magier zwischen Entrückung und Erleuchtung, spannende Runs, wo die Protagonisten böse Megakonzerne zum Wanken bringen …

„Iwans Weg“ widmet sich anderen Facetten der Shadowrun-Welt.

Jeder Runner hat eine Geschichte. Sie ist selten nett, sauber oder gewaltarm. Wer sein Leben in den Schatten der Megaplexe fristen muss, trifft diese Entscheidung nicht aus eigener Kraft – sie wird für einen getroffen. Die einzige Entscheidung, die ein Runner oft überhaupt treffen kann, ist, sein Leben früh als verbrauchtes Opfer auszuhauchen, oder sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Und viel zu oft führt diese Entscheidung weg von einem langsamen, leidensvollen, gewaltsamen Tod auf der Straße zu einem schnellen, leidensvollen, gewaltsamen Tod auf der Straße.

„Iwans Weg“ handelt … von Verlierern – ich glaube, so einfach kann man es zusammenfassen.

Der titelgebende Protagonist ist ein Kind des Slums, den die Dortmunder Nordstadt im Jahre 2077 keine Zukunft bieten kann. Ein junger Mensch, aus zerrütteten und missbräuchlichen Familienverhältnissen kommend, verspielt seine einzige Chance, aus dem Elend zu entkommen, durch einen Dummejungenstreich, den die grausame Welt jedoch nicht vergibt. Zurück im Sprawl verzweifelt er an seiner Situation, doch eine schicksalshafte Begegnung verschafft ihm eine neue Perspektive. Diese jedoch kommt zu einem teuren Preis …

Parallel dazu verfolgen wir eine Gruppe von … nennen wir sie mal „Vorstadt-Runner“. Ein „Mr. Johnson“ bzw. „Herr Schmidt“ – wie der generische anonyme Auftrageber der Shadowrunwelt in Deutschland heißt – der es nicht über die Amateur-Liga hinaus gebracht hat und wegen eines dummen Fehlers in ständiger Angst und Paranoia lebt. Seine Gruppe an Spezialisten – eine Magierin, eine Riggerin, eine Deckerin, ein paar Straßensamurais und ein Nachwuchs-„Schmidt“, der sich zu höherem berufen fühlt. Allesamt gut genug, um in Dortmund zu überleben, keiner von ihnen gut genug für die Profi-Liga.

„Iwans Weg“ erzählt auch auf packende Weise, was eigentlich mit Runnern passieren kann, die nicht ihr Leben in den Schatten aushauchen. Was ist, wenn man zu alt wird? Wenn man nie das große Geld gemacht hat, aber immer noch da ist? Wenn man einfach müde ist und nicht mehr jede Nacht sein Leben riskieren möchte?
Was, wenn man seinen Weg aus den Schatten heraus findet? Eine Frau sucht, Kinder bekommt? Mit dem Geld des letzten Runs ein halbwegs legales Unternehmen gründet, einen ehrlichen Day-Job hat und abends nach Hause kommt?
Wir lernen einen Ex-Runner und seine einigermaßen normale Familie kennen, sein wackliges, aber legales Business kennen. Doch, um Michael Corleone zu zitieren: „Just when I thought I was out, they pull me back in …“

All diese Charaktere vereint, dass sie entweder in der Dortmunder Nordstadt wohnen, oder dort beruflich zu tun haben.

Sie werden zusammengeführt durch die Ankunft einiger – wirklich fremdartiger – Wesen von Außerhalb. Sie sind Feen, und wir reden hier nicht von „Tinkerbell mit Flügelchen“ sondern eher von „schrecklich schönen und entsetzlich guten“ Seelie-Feen und „schrecklich schönen und grauenhaft bösen“ Unseelie-Feen – der Rollenspiel-Enthusiast in mir fühlt sich sofort an White Wolfs World of Darkness-Szenario „Changeling – The Dreaming“ erinnert. In Shadowruns wildem Cyberpunk/Fantasymix (wir erinnern uns: der Rhein-Ruhr-Megaplex ist Heimat des weltweit größten und mächtigsten Megakonzerns Saeder-Krupp, der wiederum vom Drachen Lofwyr beherrscht wird) nehmen Feen eher eine Nebenrolle ein, hier sind sie Katalysator der Handlung.

Was mir gefallen hat:

Das schöne an allen (Meta-) menschlichen Figuren ist: sie sind alle tief menschlich. Sie alle haben Stärken, Schwächen. Ziele, Träume. Sie haben Freunde und Familie. Sie haben Wohnungen, essen, trinken, scheißen. Sie haben auch mal Feierabend und möchten friedlich entspannen. All das wird uns vorgeführt, und zwar nicht nur bei den Protagonisten, mit denen man sich identifizieren kann, sondern auch bei denen, die man in der Rolle des Antagonisten empfindet – eine passendes Bild wäre: habt ihr euch nicht auch schon mal gefragt, was eigentlich der 47. Henchman des James-Bonds-Bösewichts gerne isst, wenn er nach Feierabend zu Hause zu Frau und Kindern kommt? Oder ob Grand Moff Tarkin bei Star Wars vielleicht eine pubertierende Nichte hat, auf die er gelegentlich mal aufpassen muss? Ich selbst finde solche Fragen durchaus spannend, weil sie zur Farbe eines guten Szenarios beitragen, denn es gibt nichts wichtigeres als farbenfrohe Antagonisten.

Überhaupt werden in bester Film-Noir-Manier geschickt die Grauzonen zwischen Prota- und Antagonisten verwischt. Der paranoide, rücksichtslose „Herr Schmidt“ geht sehr zivil und umsorgend mit seinen Untergebenen um (auch, weil er weiß, dass gute Leute einfach schwer zu ersetzen sind). Sein harter, brutaler und nötigenfalls auch gewalttätiger „Muskel“ sorgt sich um seine schwangere Freundin, die ebenfalls für Herrn Schmidt arbeitet, aber bald in „Mutterschaftsurlaub“ gehen wird (bezahlt, wie man zwischen den Zeilen lesen kann). Auf der anderen Seite wird einer der „Helden“, mit denen man im Laufe des Buchs viel Sympathie geschlossen hat, einem abgewrackten, unbewaffneten Junkie, der ihn um sein Leben anfleht (und dessen tragische Geschichte der Leser kennt), in den Kopf schießen – bedauernd, aber „um sicher zu gehen“.

Völlig anders sieht es mit den Feenwesen aus. Wir lernen einige von ihnen kennen, und während wir die (Meta-)Menschen sofort verstehen und mit ihnen mitfühlen können (auch, wenn sie 2,5m groß sind und ihnen 30 cm lange Hörner aus dem Kopf wachsen), bleiben einem die Feen immer fremd – und das meine ich positiv, denn genau so soll es in guter Fantasy-Literatur sein. Die Feen handeln aus ihren völlig eigenen Motiven heraus, die wir zwar grob verstehen, aber nicht im Detail. Sie haben Moralvorstellungen, die mit den unseren nicht kompatibel sind (auch nicht mit denen der grausamen Shadowrun-Welt). Der Leser in der dritten Person sieht ihre Handlungen, erfährt ihr Denken, wird es aber nicht völlig nachvollziehen können. Mysteriöse Wesen, die in der Welt greifbar sind, die reden und fühlen … und doch ungreifbar bleiben.

Ich liebte den Grundton der Geschichte. Wir befinden uns eher am unteren Ende der Shadowrun-Hackordnung. Die handelnden Charaktere handeln so, wie sie am besten handeln können, mit den Resourcen, die sie haben. Ihre Träume sind einfach, ihre Ziele eigentlich vernünftig und nicht weit entfernt und doch unendlich weit weg. Wer sich hier für hart und abgebrüht hält, wird vielleicht ein paar Kapitel später eines Besseren belehrt. Tatsächlich tritt am Ende des Romans mal ein „Vollprofi“-Runner auf, der sowohl für den Leser als auch für den einen oder anderen Charakter auf ernüchternde Weise den Unterschied zwischen Amateur- und Bundesliga erklärt. Als filmische Referenz für diese Art von Stimmung würde ich „Snatch – Schweine und Diamanten“ (wegen der Verlierertypen, minus des erleichternden, skurrilen Humors) und „Brügge sehen und sterben“ empfehlen (wegen der ausweglosen Melancholie).

Auch die Art und Weise, mit der der Charakter Gewaltszenen schildert, hat mir gefallen. Wer viel Rollenspiel gespielt hat und dann etwas reflektiert, bemerkt oft den Hang von Fantasy- oder Cyberpunk-Abenteuern, -Romanen, -Geschichten möglichst jeden Konflikt mit Gewalt und Waffen zu lösen und dabei bald eben diesen Einsatz zu banalisieren. Gleichzeitig gehört gerade zu solch dystopischen Szenarien auch eine gewisse Abgebrühtheit dazu – es macht keinen Sinn, eine Shadowrun-Geschichte zu erzählen, in der man jeden Gewalteinsatz sofort im äußersten Mahatma-Gandhi-Modus reflektiert und dramatisiert. Es ist schwer, dabei eine Ausgewogenheit zu finden. Der Autor hat hier bei den Weg einer sehr nüchternen und – im Rahmen des Sci-Fi-Fantasy-Settings auch – realistischen Beschreibung gewählt. Gewalt ist alltäglich, sie findet andauernd statt, und es wird nicht viel Aufhebens drum gemacht. Kämpfe, Schlachten und dergleichen werden nicht im bildhaften Michael-Bay-Kinoformat zelebriert, sondern sind eher kurz, laut und dreckig. Besonders hat mir die Art und Weise gefallen, wie der Autor Sterbeszenen darstellt – nämlich kurz und beiläufig. Es mag für einen Autor verlockend sein, seinen Charakteren, die man mit viel Liebe, Sympathie und Tiefe eingeführt hat, einen epischen Tod, mit langen letzten Worten, einem dramatischen Todeskampf und bildhaften epischen Geigen und Chören zu verpassen. Das geschieht hier nicht – weil es auch in den „realistischen“ Schatten nicht passiert. Einmal nicht aufgepasst, einmal an der falschen Stelle gestanden, einmal nicht schnell genug reagiert, einmal war der andere einfach besser, zack, das war’s. Egal, wie viel man noch vor hatte, egal, was man für Träume hatte, egal, für wie gut, wie sicher, wie vercybert man sich gehalten hatte.
Wenn Charaktere sterben – und das tun sie (hab ich schon den „Game of Thrones“-Schmerz erwähnt?) – dann sterben sie dreckig und beiläufig, und meist blitzschnell. Wie es sich für einen Runner gehört. Der Kniff ist, dass der Roman – ebenfalls wie bei „Game of Thrones“ – kapitelweise aus der Sicht eines anderen Prota- oder Antagonisten erzählt wird. Hat man in einem vorhergehenden Kapitel den einen Charakter tiefgehend kennen- und schätzen gelernt, ist er für den nächsten Charakter eben nur ein weiterer „Wet Job“, der das eigene persönliche Ziel einen Schritt näher rückt. So einfach und so grausam ist die Welt von „Iwans Weg“.

Es bleibt das lokale Szenario. Ich liebe meine Heimatstadt Dortmund, und pflege im Gegensatz zu manchem oberflächlichen Mitbürger (oder gar Leuten von Außerhalb, die keine Ahnung haben), die zu oft als Höllenszenario dieses Stadtviertel mit LA South Central gleichsetzen, ein ambivalentes Verhältnis zur Nordstadt: ich finde sie schrecklich, aber auch spannend, gefährlich, aber auch interessant. Wenn ich will, halte ich mich gerne dort auf, bin gleichzeitig aber auch froh, nicht dort zu wohnen. Ich kenne dort Orte, wo ich mich nicht alleine hintrauen würde, aber auch wunderschöne Ecken.
Der Autor wohnt selbst dort, und liebt seine „Hood“, das merkt man an jeder Ecke – und ich kann diese Liebe, auch aus der Entfernung, nachvollziehen. Der Roman ist gespickt mit Einzelheiten, Insidern und Beschreibungen, die man vermutlich nur zu schätzen weiß, wenn man selbst hier lebt. Das ist natürlich der Vor- und Nachteil aller „Lokal“-Romane.

Was mir nicht so gefallen hat:

Hautpsächlich stilistische Sachen. Der Autor bemüht sich zum großen Teil, einen extrem knappen Schreibstil zu pflegen. Das heißt: kurze bis extrem kurze Sätze. Wenig Adjektive. Wenig bis keine Nebensätze. Keine Ausschweifungen. Klare, schnörkellose Sprache. Ein deutscher Autor, der mir mit so einem Stil positiv aufgefallen ist, weil dieser Stil in seinen Werken auf mich extrem frisch und passend wirkte, war Ferdinand von Schirach („Verbrechen“ und „Schuld“).
Für mich persönlich passt der Stil hier in „Iwans Weg“ nicht gut. Zum einen, weil die Geschichte vielleicht für diesen Stil zu bunt, zu farbenfroh ist. Zum anderen zieht der Autor diesen Stil auch nicht konsequent genug ist, so dass man oft Passagen hat, bei denen man sich von der Abgehacktheit und … ich sage vorsichtig „simplen Wortwahl“ an die Bildzeitung erinnert fühlt (ich meine das nicht negativ im Sinne von „Hetz-Journalismus“, sondern ganz nüchtern beim regulär vorhandenen und bewusst eingesetzten Schreibstil der Bild), während es in der nächsten Passage allein wegen der strahlenden Bildwelt, die der Autor aufbauen möchte (bzw. sogar muss) wieder blumig und ausschweifend wird.

Außerdem führt der Autor einen Manierismus fort, der mich im „realen Leben“ schon stört – es handelt sich um eine seltsame Eigenart von Menschen aus dem (oft nur selbst so empfundenen) „linken“, oder „progressiven“ politischen Lager, die der Meinung sind, dass unsere Sprache von vielen Sexismen und sonstigen unterdrückenden sozialen Konstrukten durchdrungen ist, und dann denken, dass die Welt ein besserer Ort ist, wenn man die Sprache „moralisch verbesser“ (oder wie ich sagen würde: unästhetisch verpanscht). Mir ist klar, dass so etwas von jedem unterschiedlich empfunden wird, und auch ich selbst meine Grenzen habe, wo ich den in Sprache getragenen Wunsch zur Weltverbesserung gutheiße und selbst mit trage, und die Schwelle, ab der ich es als unsinnig oder gar schädkich halte.
Zum Glück kommt der Autor nicht auf die Idee, seinen Text mit *, -rxen, _ oder anderen sprachlichen Grausamkeiten durchzugendern, aber er trägt seinen persönlichen Manierismus, anstelle des unpersönlichen Pronomens „man“ das Wort „mensch“ zu verwenden („Manierismus, man, verstehste?“ :D) in den Romantext – also zum Beispiel: anstatt von „man könnte sagen, dass mir eine solche Penetranz ständig auf die Sacknaht geht“ sagen wir besser „mensch könnte sagen, dass mir eine solche Penetranz ständig auf die Sacknaht geht“.
Ich weiß, dass der Autor (wie auch andere Menschen in unserem politischen Umfeld) so auch im realen Leben kommuniziert, und ich kann das leider nicht ernst nehmen (und Texte, die ich so lesen muss, bekommen von mir immer sofort Abzüge in der B-Note). Bonuspunkte gibt es aber doch dafür, dass der Autor das in seinem Text konsequent auf die Shadowrun-Welt anpasst, und dann eben anstatt von „mensch“ „meta-mensch“ schreibt. Da musste ich ja schon grinsen …

Schlussendlich – das muss kein Nachteil sein – schafft der Autor Hintergründe und Neben-Plots, die am Ende nicht alle aufgelöst werden. Grundsätzlich tut das der Wirkung des Romans keinen Abbruch, da er eher über Stimmung und Milieu denn über Plot funktionert. Ich persönlich kann es nicht leiden, wenn man Plots aufbaut, um sie dann nicht aufzulösen – ja, ihr seid gemeint, siebenmal verfluchte Autoren von „Lost“. Bei einigen Dingen, die passieren, hatte ich das Gefühl, dass sie in ein größeres Shadowrun-Szenario in der AdL („Allianz deutscher Länder“ – das Deutschland des Jahres 2077 in Shadowrun) passen, da ich dieses Szenario nicht kenne, habe ich einige Dinge nicht verstanden. So was nervt mich (und wird vermutlich dazu führen, dass ich mir noch andere deutsche Shadowrun-Bücher kaufen könnte … ob da wohl ein finsterer Masterplan hinter steckt???). Der „Hauptplot“ selbst wird nicht komplett zu Ende geführt – hier würde sich eine Fortsetzung anbieten, die bislang noch nicht konkret geplant ist (aber auch nicht ausgeschlossen wurde).

Disclaimer:

Ich kann und will diese Rezension nicht mit dem … nun ja, nennen wir es mal „professionellen Kritiker-Abstand“ schreiben. Nicht, dass meine anderen Rezensionen diesem Maßstab genügen würden, oder überhaupt müssten. Denn ich bin schon von Beginn an voreingenommen. Das liegt zum einen daran, dass der Roman vollständig in meiner Heimatstadt Dortmund spielt, sich im Text zig kleine Anspielungen und Anekdoten darüber finden – der Showdown findet wortwörtlich in Reichweite eines gemütlichen Spaziergangs von meiner aktuellen Wohnung entfernt statt. Ich bin empfänglich für so etwas, somit mag das mein Urteil ins Positive treiben.

Wichtiger noch: ich kenne den Autoren persönlich und schätze ihn sehr, wir haben mehrfach bei den Dortmunder Piraten zusammengearbeitet, haben gemeinsam an Infoständen versucht, Wähler von unseren Inhalten zu überzeugen und auch schon mal nach einer Party stundenlang in meinem Auto gesessen, über die Welt im Allgemeinen philosophiert, uns verquatscht und völlig vergessen, dass wir eigentlich mal nach Hause wollten.

Hätte ich mir einen beliebigen Shadowrun-Roman gekauft? Vermutlich nein. Einen Shadowrun-Roman, der in Dortmund spielt? Auf jeden Fall. Einen Shadowrun-Roman von David, der in Dortmund spielt? Das konnte ich nicht erwarten und habe mir deswegen gleich das Ebook-Oster-Presale-Angebot gegönnt.

 

Dortmund, 180411_1609

B.

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