Widerling des Tages: Restaurantbesitzer verpfeift schlechten Bewerber beim Arbeitsamt

Dieser Artikel bei Stern/Neon Online enthält so ziemlich alles, was ich an „typisch deutsch“ (bzw. österreichisch, aber die Mentalität ist dieselbe) in Verbindung mit moderner Arbeits-Religion und Arbeitsfetischisierung widerlich und abstoßend finde.

Es geht um einen „Kunden“ bei der österreichischen Form der Arbeitsagentur, der von eben dieser Arbeitsagentur gezwungen wurde, sich bei dem Restaurantbesitzer zu bewerben. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie das läuft. „Hier hast du eine Liste von Jobs, du musst dich bewerben, sonst kürzen wir dir die Leistungen“. Ich finde diesen Ansatz eh schon sehr fragwürdig, aber darum soll es gar nicht grundlegend gehen. Ich kann akzeptieren, dass das quasi die „Spielregeln“ sind, die eine Gesamtgesellschaft setzt – was dann die einzelnen Menschen draus machen, könnte ja etwas anderes sein. Man könnte sich ja gutwillige Sachbearbeiter und realistisch agierende Unternehmer vorstellen. Könnte man. In der Praxis sieht es offensichtlich anders aus.

Es ist jetzt nicht klar, warum der „Kunde“ handelt, wie er handelt. Vielleicht ist er wirklich stinkfaul und ein Idiot. Vielleicht ist er schon Langzeitkunde, und unter Umständen wird er schon seit Jahren von der Agentur gequält, muss sein Leben mit sinnlosen Dummfick-Beschäftigungen verschwenden und wird dafür von Sachbearbeitern und der Restgesellschaft auch noch gedemütigt.

Jedenfalls macht der „Kunde“ dem Unternehmer direkt in seinem Bewerbungschreiben klar, dass er er gar kein Interesse an dem Job hat. Er macht das nicht stilvoll oder schick, aber zumindest klar und deutlich. Nämlich, indem seine Bewerbung nur aus dem einen Satz besteht:

„muss mich leider vorstellen von ams aus danke für ihr verständnis“

So. Man kann sich jetzt über die Schreibweise, mangelhafte Rechtschreibung oder die „Schlampigkeit“ der Bewerbung aufregen (Spoiler: der Restaurantbesitzer tut genau dies). Vielleicht ist der Kunde wirklich nicht gut in schriftlicher Sprache, oder Sprache überhaupt, soll es geben. Muss man aber nicht mal berücksichtigen, denn so wie ich das sehe, tut der „Kunde“ – stillos oder nicht, spielt keine Rolle – dem Restaurantbesitzer gerade einen großen Gefallen:

  • Der „Kunde“ wird offensichtlich zu der Bewerbung gezwungen
  • Vielleicht ist er faul oder ungeschickt, vielleicht ist er krank, vielleicht sind auch die Bedingungen für den „Kunden“ zu schlecht, das geht aus dem Kontext nicht vor. Spielt aber auch keine Rolle, denn offensichtlich hat der „Kunde“ keine Lust oder Motivation zu dem Job
  • Will der Restaurantbesitzer wirklich jemanden einstellen, der keine Lust hat, zu arbeiten? Das wäre doch nur reine Zeit- oder Energieverschwendung. Für wirklich jeden Beteiligten, auch für den Chef.
  • Angenommen, der lustloser Bewerber würde eine perfekte Bewerbung schreiben. Dann einen Termin abmachen. Der Bewerber nimmt sich Zeit. Der Chef auch. Der Bewerber reist an, führt das Interview, und lässt den Chef dann durch die Blume wissen, dass er eigentlich kein Interesse an dem Job hat. Das wäre auch eine total sinnlose Zeit- und Energieverschwendung. Für wirklich jeden Beteiligten, auch für den Chef.

Fazit: ja, das Bewerbungsschreiben ist debil. Der Restaurantbesitzer hätte kurz stutzen, die Bewerbung in den formschönen Rundordner neben dem Schreibtisch sortieren und weiter mit seinem Tagesgeschäft machen können.

Hat er nicht.

Stattdessen schreibt er einen harten Rant-Post (ja, ja, so wie ich hier auch) bei Facebook, indem er sich über den „frechen“ Bewerber auslässt.

Und weil ihm das in seinem Selbstgerechtigkeitswahn nicht reicht, schwärzt er den Bewerber gleich beim Arbeitsamt an.

Das wiederum reagiert genau so, wie man es erwartet:

„Als Sanktion gibt es 6-8 Wochen kein Geld.“

Da lacht die deutsche (=> Stern) bzw. österreichische Seele. Diesem Schmarotzer haben wir es so richtig gegeben.

 

Und mir ist schlecht. Was widern mich solche Menschen an, ich finde da nur Worte für, die deutlich justiziabel sind und deswegen hier nicht wiedergegeben werden können.

 

Deswegen geht mein „Widerling des Tages“-Award an den Restaurantbesitzer Philipp Wimmer-Joannidis. Ich wünsche ihm, dass er von heute an jede Woche hunderte von Bewerbungen bekommt. Jeder zweite Bewerber möge zum Vorstellungsgespräch kommen, eine halbe Stunde lang interessiert wirken … und dann damit rausrücken, dass sie Krätze, Extremschuppen, ansteckende Eiterbeulen oder was weiß ich für eklige Krankheiten haben (nicht echt, nur vorgetäuscht natürlich), so dass sie natürlich für einen Job in der Gastronomie nicht in Frage kommen. Die andere Hälfte möge den Job annehmen, sich dann aber als extrem unfähig und unzuverlässig herausstellen („Oh, tut mir leid, Herr W-J, ich habe schon wieder das Tablett fallen lassen, ich bin aber auch ein Schussel …“).

Aber: jede Bewerbung möge perfekt in Wort und Bild sein. Damit der werte Herr Chefkoch seine Zeit mit den wirklich wichtigen Dingen verbringen kann: sich über perfekte Bewerbungen freuen. Von denen braucht er dann auch viele, weil er einfach kein gutes Personal findet.

 

 

So. Ich bin noch nicht fertig!

 

 

Denn auf dem Siegertreppchen des „Widerling des Tages“-Awards stehen diesmal zwei Personen. Herr W-J muss sich den Titel nämlich mit dem Schreiberling/der Schreiberline „epp“ teilen, der dieses herrlich stinkende Kleinod der reaktionären deutschen Piefkigkeit verbrochen hat. „epp“ erzählt nämlich die obige Geschichte so, dass ich sie weitläufig zitieren muss:

Titel:

Unverschämte Bewerbung empört das Netz

Teaser:

Ein Restaurantbesitzer aus Österreich staunte nicht schlecht, als er eine Bewerbung erhielt, die nur aus einem Satz bestand. Erzürnt teilte er das Anschreiben auf Facebook. Jetzt geht es dem faulen Bewerber an den Kragen.

Auszüge aus dem Text:

Es gibt Menschen, die sich auf der Suche nach einem Arbeitsplatz wirklich Mühe machen – besonders bei den schriftlichen Bewerbungen. Da werden Ratgeber gewälzt, die Anschreiben von Experten gecheckt, alle Formalien eingehalten und Hintergrundinformationen über den hoffentlich zukünftigen Arbeitgeber eingeholt. (…)

Wimmer-Joannidis, der ein Restaurant in Niederösterreich betreibt, brachte das Schreiben mächtig auf die Palme. „Super Bewerbungen bekommt man heutzutage. Es wird sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht so zu tun als wollte man arbeiten“, schrieb er zu seinem Facebook-Post. In den Kommentaren pflichten ihm viele Nutzer bei, die sich über die Dreistigkeit und Faulheit des frechen Bewerbers entrüsten.  (…)

Für den unbekannten Bewerber hat sich der minimale Aufwand aber nicht gelohnt. Den Job bekommt er sowieso nicht, doch auch der Plan, sich mit einer Ein-Satz-Bewerbung der lästigen Pflicht zu entledigen, ging nicht auf. Philipp Wimmer-Joannidis hat die Bewerbung beim AMS gemeldet: „Als Sanktion gibt es 6-8 Wochen kein Geld.“

Und, damit sich die beiden auf ihrem Siegertreppchen nicht so einsam vorkommen, gehen die Pätze 2 – X an die wunderbare amorphe Masse aus Facebook-Idioten, die in dem Artikel erwähnt werden: „In den Kommentaren pflichten ihm viele Nutzer bei, die sich über die Dreistigkeit und Faulheit des frechen Bewerbers entrüsten.“

Euch wünsche ich, dass ihr die nächsten Opfer einer Entlassungswelle werdet, damit ihr auch ihr alle die Freuden der Mühlen des Arbeitsamtes kennenlernt. Ich bin sicher, ihr werdet alle auch die tausendste Bewerbung auf eine total unpassende oder unsinnige Stelle noch mit der gleichen Freude und Motivation angehen, wie die auf den Traumjob, den ihr vermutlich gerade innehabt …

Dortmund, 171124_1400

B.

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