Eine gebrochene Lanze für die moderne Hipster-Kultur

Ich verstehe es nicht. Frauen betreiben unfassbar viele Modegeschäfte, eine riesige Industrie kümmert sich (im Guten wie im Schlechten) um Dinge, die als „typisch weiblich“ angesehen wird, und nur die extrem verhärmtesten Feministinnen stören sich vermutlich daran, dass es für Frauen schicke Kleider, Accessoires, viele unterschiedliche Frisur-Stile und entsprechende -Moden gibt. Solange nichts davon Zwang ist und wenn wir mal unappetitliche Aspekte wie „ungesundes Körperverhalten durch Modetrends suggerieren“ ausklammert, erfreut sich vermutlich ein großer Teil der Frauen unserer Gesellschaft daran.

Wenn man dann Männer, ihren Stil und ihre Hobbies betrachtet … dann scheint man manchen Frauen wirklich nichts recht machen zu können.

Dass man sich über Fußball-Prolls, Muckibuden-Brecher, bebrillte Nerds, Socken-in-Sandalen-Trägern und so weiter gut echauffieren kann, ist ein alter Hut.

Ein neuerer Trend scheint mir hingegen eine allgemeine Verachtung gegen Männer zu sein, denen man das Sujet „Hipster“ anklebt. Ich kann es ja auch teilweise verstehen. Es gab auch mehrfach Momente, wo ich Dinge gesehen habe, Aussagen gehört habe, wo ich dachte: oh mann, komm mal wieder auf die Erde.

Aber ich finde, man sollte wesentliche Bestandteile des oft kritisierten Hipstertums mal auf ein paar grundlegende Eigenschaften zurückführen, und dann kann ich ehrlich gesagt nur wenig Negatives dran finden.

Denn „Hipster“ haben zum einen recht viel mit „Nerds“ oder „Geeks“ gemeinsam: sie sind begeisterungsfähig, neugierig, lernfähig, entdeckungsfreudig. Sie interessieren sich für einen Teilbereich, der Anderen vielleicht als normal oder banal erscheint, entwickeln eine hohe Liebe zum Detail, und sind darüber hinaus, oft äußerst genussempfänglich, sinnlich und somit lebensfroh.

Ob es jetzt wirklich ein ausgewiesen „männliches“ Phänomen ist, ein spezifisches Interessensgebiet bis an den Rande der Obsession (und manchmal darüber hinaus) zu erforschen, weiß ich nicht.

Ich weiß nur, dass ich selbst viele Elemente der „Nerd“- und „Geek“-Kultur in mir trage, und im einen oder anderen Bereich auch gerne den „Hipstern“ zugeordnet werden kann.

Und ich mag diese Teile von mir!

Ich habe eine hohe Genussfähigkeit in Bereichen entwickelt, die andere Menschen vielleicht nicht einmal beachten. Ich kann mich an den weitreichenden Nuancen verschiedener Single-Malt-Whiskeys erfreuen, ich weiß, welcher Wein (welche Rebsorte, welcher Ursprung) mir besonders gut schmeckt, ich ziehe große Freude daraus, überall wo ich bin, lokale Biere, die man eben nicht in jeder fucking Tankstelle kaufen kann zu probieren, und seitdem ich weiß, wie gut Wagyu-Beef schmeckt und was „Dry Aged“ bedeutet, habe ich überhaupt erst hochwertiges Fleisch (und die damit verbundene Hoffnung auf ethisch korrekte Aufzucht und Lebensbedingungen von Zuchttieren) kennengelernt.

Letzte Woche war ich in Leipzig, in der großartigen Cocktailbar Imperii – ein Paradebeispiel für hipstergeführte Genusskultur. Und ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, was für irrwitzige Ideen die da hatten, Geschmäcker zu kombinieren …

All das wäre ohne Hipster nicht möglich gewesen – es sind nämlich die Hipster, die solche Dinge voran treiben. Also: vielen Dank, Hipster!

 

Ich bin ein Mann, und ich bin es gerne. Ich komme sehr gut mit meiner Rolle klar, das war eigentlich immer so. Wenn ich das oben gesagte reflektiere und das in meine „Männlichkeit“ übertrage, sehe ich mich als Nerd/Geek/Teilzeit-Hipster und fühle mich wohl. Ich könnte auch versuchen meine Männlichkeit als Hooligan auszuleben, oder irgendwelchen anderen männlichen Scheiß veranstalten, den Feministen (oft zurecht) als „toxisch“ betrachten.

Stattdessen bin ich offen, lebe gerne neue Genüsse aus, verfeinere meinen Geschmack, interessiere mich für neue Dinge … ist das jetzt schlecht?

 

Wenn man Artikel wie diesen hier betrachtet, stimmt wohl irgendwas mit mir nicht:

Wer sich einmal die von Hipstern betreuten Geschäftszweige ansieht, stößt auf eine überraschend wenig subtile Geschlechtertrennung: Während Hipsterinas mit selbstgebasteltem Schmuck, Backwaren oder Second-Hand-Klamotten handeln, hat ein männlicher Hipster eine Schrauberwerkstatt, eine Bar oder einen Steakgrill.

In den „Managements“ dieser schwer maskulinen „Start-Ups“ sitzen dann nur Männer mit geometrischen Tattoos und speckigen Hüten zusammen, mit der einzigen Ausnahme „Jill on Social Media“ – wie „Key of Awesome“ sie in ihrer Hipsterparodie nennen.

Tatsächlich verbinde ich die meisten Dinge, die ich mit Hipstern verbinde, mit Männern. Das gilt weitgehend auch für das Nerd- oder Geektum (mit Ausnahme von Cosplay, das scheint fast ausschließlich in weiblicher Hand zu sein …). Ist das so? Vielleicht? Meinetwegen. Ist das denn schlimm?

Ich kann jetzt nicht für alle Szenen sprechen, aber alles, was ich persönlich beobachten konnte, war praktisch völlig, nennen wir es „meritokratisch“. Man begeistert sich für ein Thema, eignet sich diesbezügliches Wissen und Kultur an. Man erkennt schnell, wer was drauf hat, wer Ahnung hat, wer Anfänger ist, wer Fortgeschritten … und zumindest meiner Erfahrung nach hat da noch nie eine Rolle gespielt, was man zwischen den Beinen hat. Ob ich mich mit einem Mann oder einer Frau über die Vorzüge von Highland-Malt gegenüber Islay-Malt (Hint: es gibt sie nicht ;-) ) streite, ist mir völlig egal, und ich habe zumindest persönlich noch niemanden kennengelernt, wo es ernsthaft eine Rolle gespielt hätte.

Doch nicht nur die Firmen selbst sind Sausageparties, auch die Kundschaft wird strikter geteilt als eine Dorfkirche 1912. „Todi’s Barbershop“ in Berlin-Wilmersdorf beispielsweise hat seine Scheibe großflächig mit dem Hinweis „It’s a man’s world – sorry Ladies“ beklebt, was angesichts der Deklaration als „Herrenfriseur“ wirkt wie ein 8-jähriger, der einen „Mädchen unerwünscht“-Zettel an seine Zimmertür hängt. Die Hipsterkultur feiert alles ab, was sich schon kleine Jungs als besonders männlich vorstellen: Bärte, Schnaps, Rumwerkeln, Holzfällerhemden und möglichst große Fleischstücke.

Das will mir nicht in den Schädel: seit JAHRHUNDERTEN gibt es eine gigantische, weltumspannende, extrem vielseitige, bunte, widersprüchliche und dem Vernehmen nach für einen Großteil der Menschheit sehr aufregende Modeindustrie, die sich AUSSCHLIESSLICH ans weibliche Geschlecht wendet. Kleidung, Kosmetik, Frisuren, Wellness, etc.

Modische Leitkultur für Männer hingegen ist spätestens seit dem Aufstreben des Bürgertums weitgehend stinklangweilig, uniformiert und maximal auf „Seriösität“ (was auch immer das im jeweiligen Kontext bedeutet) getrimmt. Es ist noch nicht lange her, da habe ich Artikel (von Frauen) gelesen, wo sie von Männern gefordert haben, mal aus der Reihe zu tanzen, sich was zu trauen, authentisch zu sein …

Besonders die Attacke auf den Barbershop finde ich wirklich perfide, wenn man sich die extreme Bandbreite an Damenfrisuren und -friseuren in Erinnerung ruft, und dagegen hält, wie armselig Haarkultur in den letzten 100 Jahren für Männer war (erinnert sich noch jemand an die verrauchten Herrenfriseure in Dörfern und Vorstädten, bei denen jeder Haarschnitt gleich aussah?) – wobei Bartkultur gegenüber Haupthaar durchaus variierte …

An Männer gerichtete Angebote wie die Seite des Lifestyle-Ladens „Soul Objects“ in Berlin-Prenzlauer-Berg schaffen eine verschämte kleine Nische für „Soul Sisters“, in der sie dann Schokolade, Babystrampler oder blubbernde Roséweine anbieten.

Ich hab mir das mal im Internet angesehen. Der Laden ist offensichtlich ein Accesoire-Shop, der sich an Männer richtet. Wie viele solcher Shops gibt es für Frauen, oder Dinge, mit denen sich klischeehaft (und ebenso klischeehaft in der Realität bestätigt) maximal an Frauen richten? Seit Jahrzehnten schon – ich denke da auch an die ganzen Läden, in denen es eigentlich nur nutzlosen Kitsch und Dekokram für die Wohnung gibt … und es macht durchaus Freude, sich mal an einem Sonntag an die massiven Schlangen bei Ikea zu stellen und die Menschen zu beobachten …

Mit seiner Mischung aus betonter Sensibilität, Schöngeistigkeit und Rückbesinnung auf alte Rollen neigt sich der Hipster wieder gefährlich dem viktorianischen Männlichkeitsideal zu. Es ist auch letztlich die viktorianische Ästhetik, die er zitiert, und in dieser Ästhetik gibt es erst einmal keinen Platz für Frauen. Wahre Freundschaft, wahrer Genuss, wahre Qualität findet man eben nur von Mann zu Mann. „Sorry Ladies.“

Das ist jetzt eine Interpretation. Kann man so wahrnehmen. Wenn man will. Mir scheint es eher, dass die Dame hier vielleicht ein wenig projiziert … meiner Erfahrung entspricht es jedenfalls nicht. Warum sollen sich nicht auch Frauen für ein geiles Steak oder einen guten Whiskey begeistern können? Was hindert sie daran? Ich behaupte: es sind nicht die männlichen Hipster.

Die Welt der Hipsterfrau ist hingegen ganz anders, sie ist voller Pastell, Bäckereiwaren und süßer Tiere. Sie sieht den ganzen Tag aus wie eine Ballerina in der Mittagspause oder als trüge sie die Kinderklamotten ihrer Eltern auf. Sie trägt einen zerzausten Dutt, zuckerwattefarbene Kaschmirpullover, zu kurze Achtziger-Jahre-Latzhosen. Sie ist niemals professionell oder sexy. Sie ist immer irgendwie süß, verwuschelt oder verträumt, höchstens auf kindliche Weise burschikos. Eine viktorianische Kindsfrau, die sich durchs Leben bastelt und liest und Teegesellschaften mit ihren Katzen gibt.

Ich persönlich fände eine lederjacken-tragende, steak essende und über die feinen Nuancen von IPA fachsimpelnde Frau ja viel interessanter. Aber auch hier wieder die Frage: warum entscheiden sich Frauen *selbst*, so zu sein? Ich ärgere mich auch regelmäßig über frühkindliche Indoktrinierung, die oft völlig sinnlos von Spielzeug-Fabrikanten betrieben wird. Und vielleicht ist das hier einfach die unvermeidliche, langfristige Folge daraus. Aber ich glaube auch, dass irgendwann Schluss mit der großen maskulin-unterdrückenden Weltverschwörung ist, und ich behaupte: wenn weibliche Hipster so sind, wie die Dame hier beschreibt, dann so, weil sie es sein WOLLEN. Denn wenn es eine gesellschaftliche Richtung gibt, in die man NICHT vom bösen Patriarchat reingezwungen wird, dann ist es sicherlich die Hipster-Szene.

Kleines Detail am Rande: im oben erwähnten Imperii gab es an diesem Abend mindestens zwei extrem fachlich gute und dem Detail hingebungsvolle Service-Mitarbeiter. Nur einer davon war ein Mann …

Und was machen die introvertierten Frauen den ganzen Tag zuhause? Pinterest, ein Online-Sammelalbum für visuelle Inspiration, schlägt ihnen die Themen Hochzeit, Baby, Kochen, Abnehmen sowie Handarbeit und Werken vor. Die Seite ist berühmt-berüchtigt dafür, besonders verlobte Frauen ins Bastelburnout zu gängeln.

OMG! Das ist bestimmt wieder eine gemeine Verschwörung des Patriarchats! Pinterest, das Virus, das Frauen, deren Bestimmung es doch eigentlich sein muss, emanzipiert die Welt zu retten in Bastel-Mütterchen verwandelt. Wer hätte das gedacht …

Hauptsache, die Frau ist beschäftigt, während Hipsterino sich sein 250-Gramm-grassfed-Simmenthaler-Dry-Aged-T-Bone-Steak reindreht. Und das nennt man dann Fortschritt.

Vielleicht wäre es ja doch besser, wenn der Mann sich wieder so guten alten männlichen Tugenden wie Leberwegsaufen, im Fußballstadion prügeln und Krieg führen widmet … ah, warte. Nein, ich vergaß: das ist ja toxisch. Vermutlich ist im Sinne der Autorin der Lebenssinn des Mannes, jede Sekunde seiner freien Zeit, die er nicht mit hingebungsvoller Kindererziehung und notwendiger Geldarbeit verbringt, mit Nachdenken zu verbringen, wie er dafür sorgen kann, das Unheil, das 10.000 Jahre Patriarchat an Frauen angerichtet haben, wieder gut zu machen – angefangen damit, seiner Holden den Himmel auf Erden zu bereiten.

(BTW: der Steak-Hipster in mir lacht sich gerade über das Unwissen der Dame, den idiotischen Pseudo-Qualitätsbegriff „Simmenthaler“ zu verwenden, kaputt).

Aber wenn er sich auf die „gute alte Zeit“ und „gutes altes Handwerk“ in Deutschland rückbesinnen möchte, kommt ihm ärgerlicherweise der Nationalsozialismus in die Quere.

Bodenloser Schwachsinn und an debiler Idiotie nicht zu überbieten. Wem ich jetzt hier erklären muss, warum, dem ist nicht mehr zu helfen.

Er versucht, diffuse Sentimentalitäten anzusprechen, indem er beispielsweise eine längst eingestellte Biersorte wie „Diamant-Bräu“ in Magdeburg wiederaufleben lässt, vermeidet aber peinlich jedwede historische Kontextualisierung jenseits der Wiederverwendung des Logos.

Hier wäre es ein netter Service der Autorin gewesen, mit ein, zwei kurzen Sätzen klarzulegen, wo jetzt das spezifische historische Problem bei „Diamant-Bräu“ liegt. Vielleicht gibt es ja wirklich eins? Ich weiß es nicht, weiß es die Autorin vielleicht? Ich für meinen Teil kann nichts Schlechtes z.B. an der Wiederneugründung der Dortmunder „Craft Beer“-Brauerei Bergmann finden …

Ein paar Sätze später gibt sie dann zu, dass

Mit alten deutschen Namen einen nostalgischen Rahmen zu evozieren, ist vom Prinzip her nicht schlecht. Ich habe Diamant-Bier und Slyrs-Whisky beispielsweise sehr gern getrunken und mich dabei ein bisschen nostalgisch gefühlt.

Finde ich irgendwie widersprüchlich. Das „Wilhelms Burger“ / „Wilhelm Burger“-Beispiel aus dem zugehörigen Absatz finde ich persönlich extrem konstruiert. Man kann nicht von jedem Deutschen erwarten, dass er jede einzelne Idee (abgesehen von den wirklich offensichtlichen) auf eine wie auch immer verschachtelte Bedeutung der Nazi-Periode abklopft. Wer das tut, wird irgendwann neurotisch (mir scheint, die Autorin wäre ein entsprechender Kandidat). Ich für meinen Teil kenne mich nach jahrelanger Beschäftigung IMHO wirklich gut mit der Geschichte des Dritten Reichs aus, auch mit Figuren und Begebenheiten au der zweiten oder gar dritten Reihe. Wilhelm Burger war mir bis gerade nicht bekannt … nun, ich lerne auch immer wieder Neues dazu. Mir ist allerdings gerade bei sich selbst als links bezeichnenden, enthusiastischen „Antifaschisten“ oft eine schwer erträgliche Arroganz aufgefallen, die darauf beruht, dass sie sich in ihrem kleinen Bereich extrem detailliert auskennen und dann Menschen beschimpfen, die nicht dieses Detailwissen haben. Wenn sie nicht oft so genussfeindlich wären, könnte man sie glatt als „Antifa-Hipster“ beschimpfen ;-)

 

Ladies, ganz ehrlich: ich liebe den Genuss, den mir die Detailverliebtheit der Hipster beschert. Wenn ihr daraus solche Schlüsse zieht, wie die Dame im obigen Artikel, dann freue ich mich, wenn ich das von euch möglichst früh erfahre. Dann brauche ich nämlich keine Zeit mit euch zu verschwenden …

Dortmund, 171109_1825

B.

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