„I don’t want to live forever“ – Lemmy Kilmister (1945 – 2015)

Jetzt schreibe ich einen Nachruf, von dem ich dachte, ich würde ihn nie schreiben.

Ernsthaft. So rational ich auch bin – irgendwie habe ich gedacht, dass Lemmy … was weiß ich … 130 Jahre alt wird, und somit mich (sicherlich) weit überleben würde.

Ich glaube, er selbst hat über sich selbst und sein doch zum Schluss respektables erreichtes Lebensalter von 70 Jahren gestaunt.

Seine unsterblichen Zeilen aus „Ace Of Spades“:

You know I’m born to lose

And gamblin’s for fools

But that’s the way I like it, baby

I don’t want to live forever

ergänzte er live seit langem nicht mehr mit der orginalen Zeile „And don’t forget the joker“, sondern mit einem achselzuckenden

But apparently I am?

Ich war nie ein bedingungsloser Motörhead-Fan, wie ich auch nie ein bedingungsloser Slayer-Fan war. Beide Bands verbindet für mich, dass ich sie streckenweise ziemlich geil finde, aber nach etwa einer Stunde reicht es mir damit auch, dann will ich etwas anderes hören.

Aber bei beiden Bands empfinde ich auch eine unglaubliche Magie. Ich verstehe und fühle, was sie groß und wichtig gemacht hat. Ich spüre ihren jeweiligen radikalen, kompromisslosen Ansatz, und beide Bands haben Songs für die Ewigkeit geschrieben, Stücke, die mir immer wieder Gänsehaut bescheren, die Kraft, Energie und Wut in mir erzeugen, die mich die Faust ballen lassen und die in mir das Bedürfnis wecken, den ganzen Pissern da draußen, die eine lahme Entschuldigung für die Menschheit sind, meine Verachtung ins Gesicht zu rotzen.

Deswegen geht es mir nahe, wenn Legenden wie Jeff oder eben Lemmy abtreten. Sie werden fehlen, aber sie waren relevante Künstler, was bedeutet, das sie weiter leben werden.

Lemmy war halt auch weit mehr als „der Sänger und Bassist von Motörhead und Hawkwind“. Er war Rock ’n Roll. Der Avatar, der Spirit, die pure Verkörperung des Rock ’n Roll.

Aus vielen Interviews mit ihm selbst, seinen Weggefährten, Freunden und anderen scheint eine Lebensphilosophie durch, die … mir fällt kein anderes Wort ein – erstrebenswert scheint. Lemmy war kompromisslos und ehrlich. Wenn er dich mochte, ließ er es dich spüren, wenn nicht, dann auch.

Er ließ sich nichts von niemandem gefallen und zog immer sein Ding durch. Auch, wenn es ihn etwas kostete.

Er fand sehr früh heraus, was er wollte: Rock ’n Roll in einer Band spielen, mit Frauen rummachen und Drogen nehmen. Tatsächlich hat er nie etwas anderes in seinem Leben gemacht, bis zum Schluss. Das letzte Motörhead-Konzert war am 11.12.15 in Berlin, drei Wochen vor seinem Tod. Lange Abschied nehmen schien nicht sein Ding zu sein.

Ich finde gerade diese Geradlinigkeit, diese Kompromisslosigkeit spannend. Wie oft gehen wir mit geballter Faust durchs Leben, gehen schäbige Kompromisse ein in Hoffnung, einen Vorteil daraus zu ziehen, der sich jedoch zu selten erfüllt. Wir zahlen jedes Mal mit einem Stück unserer Selbstachtung, bis nicht mehr viel davon übrig bleibt. Wäre es nicht wirklich besser, wenn wir jedem, der uns mies behandelt nicht einfach ein „fick dich und geh mir aus der Sonne“ entgegenschleudern könnten? Lemmy hat genau das oft genug gemacht, und musste dafür hart einstecken. Seine Autobiografie ist voll von Stellen, in denen Lemmy mittellos oder verschuldet war, sich monatelang von Couch zu Couch schnorren musste, weil ihm Einknicken und „vernünftig werden“ einfach nicht in den Sinn kam. In der Spätphase seiner Karriere war Lemmy wohlhabend genug, um sich die Dinge, die ihm was bedeuteten, leisten zu können, aber reich war er vermutlich nie.

Lemmy mochte Rock ’n Roll. Tatsächlich gehört er zu den immer weniger werdenden Menschen, die noch in der Zeit VOR dem Rock ’n Roll aufgewachsen sind – kann man sich das vorstellen? Der Beatles-Fan wurde, bevor sie nach Hamburg fuhren, der noch mitbekam, wie John „Give Peace A Chance“ Lennon von der Bühne sprang, um einem Möchtegernnazi im Publikum die Fresse zu polieren, der hingegen wusste, dass die „harten“ Stones eigentlich softe Studenten aus London waren. Der einem jungen, noch nicht wirklich berühmten amerikanischen Gitarristen namens Jimi Hendrix als Roadie – und LSD-Lieferant – diente. Der Sid Vicious – laut Lemmy „ein feiner Kerl“ –  vergeblich versucht hat, Bass-Spielen beizubringen. Der bei der ultimativen Drogen-Band Hawkwind gefeuert wurde, weil er Drogen nahm (nämlich die falschen). Der immer darauf bestand, dass sein Baby Motörhead, die einst „lauteste Band der Welt“, eigentlich nur Rock ’n Roll und eben NICHT Heavy-Metal machte.

Lemmy mochte Drogen. Alle bis auf Heroin. Vor allem die, die ihn aufputschten und wachhielten, wie Speed und Kokain. Aber auch LSD. Uppers. Downers. Sein Alkoholkonsum ist legendär, eine Flasche Jack Daniels pro Tag war lange Zeit üblich. Aus „Gesundheitsgründen“ ist er in den letzten Jahren auf Wodka mit Orangensaft – der Vitamine wegen – umgestiegen; der Arzt hatte ihm bei seiner Drogenvorgeschichte bewusst geraten, NICHT mit dem Trinken aufzuhören, weil ihm das vermutlich mehr geschadet hätte, als weiter zu machen. Letzten Endes haben ihn auch nicht die Drogen besiegt, sondern –  zumindest der Pressemitteilung zufolge – eine sehr aggressive Krebsvariante. Schon die letzten Jahre war sein Körper merklich geschwächt, Gesundheitsprobleme quälten ihn, Konzertabsagen in der letzten Zeit waren nicht selten. Lustfeindliche Puritaner mögen jetzt den Zeigefinger heben und einwenden: nun ja, er hat seinen Körper jahrzehntelang mit Drogen beschossen, klar, dass er dann schwach wird, klar, dass er dann keine Reserven mehr für einen Kampf gegen den Krebs hat.
Solchen Jakobinern schleudere ich dann entgegen: so fucking what? Der Mann ist 70 geworden! Und stand bis kurz vor seinem Tod auf der Bühne. Das bei DEM Lebenswandel. Ich behaupte, Lemmy hat in den drogenumnebelten 70ern mehr erlebt und mehr vergessen als so mancher Gesundheitsfanatiker in drei ganzen Leben erleben würde.
Mich würde am Ende nicht wundern, wenn nach einiger Zeit durchsickern würde, dass Lemmy nicht von selbst an seinem Krebs gestorben ist, sondern dass er, nachdem er die Diagnose erfahren hat, den Freitod gewählt hat. Es würde zu seinem Leben und seiner Philosophie passen. Wegen Krebs wochen- und monatelang dahinsiechen, zusehen, wie der Körper zerfällt? Drogen nehmen, nicht wegen des Spaß, sondern nur damit die Schmerzen erträglich sind? Come on … das passt doch nicht zu Lemmy, oder?

Lemmy mochte Frauen. Seit in jungen Jahren die Liebe seines Lebens an Heroin verreckte – die einzige Droge, die er bis zum Schluss mit geradezu glühendem Hass ablehnte – wollte er sich nie binden. Er hatte Affären, Groupies, One-Night-Stands, seinen Angaben nach in die Tausende zählend. Und Huren. Immer wieder. Es passt zu seiner Geradlinigkeit, Direktheit, Ehrlichkeit, dass er aus seinen Hurenkontakten nie einen Hehl gemacht hat. Für ihn war das immer ein korrekter Deal. Dabei habe ich bislang noch von keiner Frau aus seinem Umfeld gehört, die behauptet, dass er sie schlecht behandelt hat, im Gegenteil. Er schloss lebenslange Freundschaften mit Musikerinnen, zum Beispiel mit Girlschool, die ihren Karrierestart seinem Mentoring verdankten. Ich habe bislang nur Aussagen gehört, wie „Lemmy war ein absoluter Gentleman“, der sich offen lautstark über den latenten Sexismus in der Musikindustrie beschwerte und gleichzeitig das Gegenteil lebte.

Nun ja.

Ich war nicht dabei, ich kannte ihn nicht persönlich, ich muss mich auf das verlassen, was andere über ihn sagen.

Aber was man auch als … Fan sagen kann: Lemmy stand für eine Idee. Nämlich für die Idee eines würdevollen, selbstbestimmten Lebens. Dafür, sich nichts gefallen zu lassen und doch damit durchzukommen. Dafür, sich mit nichts weniger zufrieden zu geben als das, was man eben wirklich will. Dafür, dass man am Ende des Lebens außer Atem, mit wilder Frisur, verschwitzt und verdreckt um die letzte Kurve schlittert, mit einem lauten Krachen in die Bande knallt und nur noch sagen kann: „wow, was für ein Ritt“.

bye_lemmy

Here’s to you, old Bastard!

Und, auch wenn ich weiß, dass Lemmy es GEHASST hat, dass man Motörhead immer auf dieses VERDAMMTE LIED AUS DEN 80ern reduzierte – es ist und bleibt mein Lieblings-Motörheadsong. Die schon oben zitierten Zeilen sind für mich die Quintessenz des Rock ’n Roll:

 

Dortmund, 151230_0027

B.

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