Wenn man mit Menschlichkeit nicht umgehen kann – von verschachtelter Heuchelei #ParisAttacks

Wer auch nur ein paar meiner Artikel gelesen hat, weiß vermutlich, dass ich nichts so sehr verachte wie Heuchelei und Selbstgerechtigkeit. Zur Zeit beobachte ich – wieder einmal – eine ganz besondere Form davon: die verschachtelte Heuchelei, die „Heuchelei über Heuchelei Anderer“.

Und das geht so:

Viele Menschen machen gerade ihre Bestürzung und Trauer über die Toten der Terroranschläge von Paris kund. Sei es durch Artikel, Tweets oder im einfachsten (und billigsten) Fall dadurch, dass sie ihre Social-Media-Profilfotos z.B. mit einer französischen Tricolore hinterlegen. Ähnlich wie „Je Suis Charlie“ im Januar.

Und ebenso sicher wie die Forderungen der Terrorprofiteure kommen die, mal vorsichtig mahnend, mal penetrant hochnäsig formulierten Aussagen der Form „ihr jammert über die Toten von Paris, aber über all die anderen Terrortoten der Welt jammert ihr nicht, ihr Heuchler!“.

Das ist natürlich in der Sache durchaus korrekt. Facebook hat KEIN nettes Tool bereitgestellt, um sein Profil mit den Nationalfarben von Syrien oder Russland zu hinterlegen, nachdem dort weit größere Zahlen an Terroropfern gemeldet wurden.

Selbstverständlich ist es auch wertvoll, auf die große Medienmanipulation hinzuweisen, die stattfindet, und sich zu fragen, in welche Richtung wir wohl da gedrückt werden sollen.

Aber ich denke, es gibt noch eine viel einfachere Antwort auf dieses Phänomen, und das heißt: Menschlichkeit.

Denn es ist ABSOLUT MENSCHLICH, dass man sich bestimmten Menschengruppen näher fühlt als anderen. Ist so. Punkt. Jeder, der was anderes erzählt, ist ein Heuchler!

Dieses Muster kommt übrigens häufig vor. Stürzt irgendwo ein Flugzeug ab, kommt immer die Meldung „an Bord waren X Deutsche“, und sofort geht die Empöreria los „ach, und die anderen Menschen interessieren euch nicht?“

Doch, natürlich interessieren die mich – aber vielleicht hatte ich Freunde, Verwandte, Bekannte, die just zu dieser Zeit in der Gegend in einem Flugzeug saßen. Somit hat diese Formulierung schon Nachrichtenwert für mich.

Man kann sich fragen, ob die Welt eine bessere wäre, wenn mir das Schicksal von Sajid, dem alten, streng islamgläubigen Gemüsehändler aus Rakka, der völlig unschuldig von einer US-Drohne ermordet wurde genauso nahe gehen würde wie das von Marie, dem süßen, lebenslustigen Hardrock-Fan im Bataclan. Zur Hölle, nein. Mit der einen Person kann ich mich sehr gut identifizieren, bei der anderen müsste ich mich sehr anstrengen. Ist einfach so.

Das bedeutet nicht, dass ich es nicht ebenso himmelschreiend ungerecht finde, dass der unschuldige Sajid sterben musste. Das bedeutet nur, dass ich mich der einen Sache auf eher philosphisch-moralischer Ebene nähere, während mich die andere Sache zusätzlich noch emotional berührt – weil es mich selbst sehr gut hätte betreffen können. Auf einem Event, in einer europäischen Großstadt …

Ich persönlich kann ziemlich gut damit leben, diesen menschlichen „Makel“ zu haben. Ich bin sicher, wenn ich Psychologen und Anthropologen fragen würde, haben die auch sofort ein Modell zur Hand, warum diese Art der „emotionalen Trennung“ für den Menschen einfach gut und sinnvoll ist.

 

In meinen Augen ist es menschlich, Kreise von immer weniger wichtigen Leuten um sich herum zu ziehen. Emotionen sind teuer und Anstrengend, und es ist gut und gesund, mit ihnen ein wenig zu haushalten.

Das entbindet einen natürlich nicht, sich mit den Hintergründen zu beschäftigen, und im besten Fall langfristig auf eine Welt hinzuarbeiten, in der auch Sajid nicht hätte sterben müssen.

 

TL;DR: Die Tatsache, dass mich Schicksale einiger Menschen mehr berühren als das Anderer, macht mich nicht zu einem schlechteren Menschen. Wer das leugnet, verkennt Menschlichkeit.

 

Dortmund, 151119_1550

B.

 

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