Sir Terry Pratchett (1948 – 2015) – ein Nachruf (mit Fußnoten [1])

In Terry Pratchetts Scheibenwelt-Universum haben Hexen, Zauberer und Könige das Privileg, von TOD persönlich abgeholt zu werden.

Welches Privileg muss wohl dann der Schöpfer selbst haben? Wie muss man sich das vorstellen?

Vielleicht so, wie es sich auf Terrys eigenen Twitter-Account [2] darstellt:

AT LAST, SIR TERRY, WE MUST WALK TOGETHER. (tweet)

Terry took Death’s arm and followed him through the doors and on to the black desert under the endless night. (tweet)

The End. (tweet)

 

Ich finde es manchmal schwierig zu begründen, warum man Trauer empfindet, wenn ein Mensch stirbt, dem man nie im Leben begegnet ist. Ich habe hier auch schon einige Nachrufe verfasst, manche ziemlich gehässig, andere kritisch, wiederum andere bewundernd. Bei keinem jedoch habe ich mich so schwer und entleert, so persönlich betroffen, so bitter traurig gefühlt wie bei diesem hier. Sir Terrys Tod kam nicht besonders überraschend; das Ende war abzusehen, trotzdem ist mir zum heulen zumute. Ich denke, das liegt daran, dass er mich durch seine Werke vermutlich mehr beeinflusst hat als die meisten Lehrer, Professoren oder der eine oder andere Blutsverwandte.

Das geht nicht nur mir so; die Bloggerin Frau Meike hat auf sehr emotionale Weise beschrieben, was Terrys Werk für ihr Leben bedeutet hat, ich würde mir wünschen, dass ihr auch ihre Sicht mitnehmt.

Ich hatte zwar mit Terrys Romanen nicht den einen, lebensrettenden Punkt, aber ich kann mit großer Deutlichkeit feststellen, dass mich sein Werk über lange Durststrecken gebracht hat, in denen mein eigenes Leben nicht sonderlich lebenswert erschien. Wie ich schon an anderer Stelle festgehalten habe, zelebriere ich meine Realitätsflucht sehr bewusst, und die Scheibenwelt ist eine ungeheuer reiche, süchtig machende Flucht-Realität.

Der großartige Roman „Klonk!“, den sie zentral erfasst ist übrigens auch mein absoluter Scheibenwelt-Lieblingsroman, ein perfektes Beispiel für eine eigentlich hochbrisante Geschichte um Rassismus, Ressentiments und Hass, Kriege und Kriegsgewinnler, hochmoralisch und menschlich, verpackt in eine unglaublich packende, gleichzeitig zum Schreien komische Geschichte, die trotz aller Schrecklichkeiten mit Hoffnung endet.

 

Genau diese Punkte machten Terry Pratchetts Gesamtwerk aus.

Seine Menschen (Trolle, Zwerge, Vampire, Nobby Nobbs [3], Zombies, Igors, Götter, Golems und viele andere Spezies verkörperten letzten Endes immer nur menschliche Aspekte) in seinen Büchern waren meist … nicht wirklich vorzeigbar. Sie waren gierig, feige, intolerant, opportunistisch, dumm, lernresistent, mitleidlos … es war typisch für die Scheibenwelt-Dramatik, dass Menschen aus einer Nichtigkeit durch die Summe ihrer kleinen und großen Charakterfehler eine grandiose Eigendynamik erzeugten, die am Ende eine großflächige, unter Umständen weltenbedrohende Katastrophe hervorbrachte.

Ja, man merkte Sir Terrys Werk deutlich an, dass er wohl einen großen Teil seines Tages damit verbrachte, seine gewaltige Stirn nachhaltig auf die Tischplatte donnern zu lassen. Die offenkundige Unvernunft der Menschen, die einem bei der täglichen Nachrichtendurchsicht begegnet, muss ihm, dem hochgebildeten, klugen, rationalen Denker geradezu körperliche Schmerzen bereitet haben.

Dennoch schien er diese Unvernunft mit einer geradezu väterlichen Milde zu betrachten. Denn Pratchett kannte auch die andere Seite des Menschen. Seinen Humor, seine manchmal unendliche Güte, seine Neugier und Lebenslust, seine Kreativität und vor allem seine Hoffnung auf ein besseres Morgen.

Deswegen haben all seine Figuren immer eine Grundwürde, die er ihnen in allen Situationen belässt. Deswegen gibt es in jeder Katastrophe immer einen oder mehrere Menschen, die, oft von innerer Moral und einem starken Gerechtigkeitsgefühl getrieben eben diese von anderen Menschen geschaffene Katastrophe zum Guten wenden. Und immer wieder schütteln die Überlebenden am Ende den Staub von ihren Kleidern, atmen durch, erkennen, dass morgen ein neuer, hoffnungsvoller Tag sein wird und machen sich bereit, wieder heiße Würstchen-im-Brot zu verkaufen [4].

 

Ich habe viele Nachrufe mit vielen Zitaten VON Sir Terry gelesen; ich selbst weiß gar nicht, welches mein Lieblingszitat ist. Es wären so viele.

Ich nehme stattdessen eines von Neil Gaiman, der mit Terry gut befreundet war, aus einem Artikel im Guardian:

„Terry Pratchett isn’t jolly. He’s angry“

Tatsächlich fasst dieses kurze Zitat – und Neils sehr lesenswerte Analyse von der Wut, die Terry angetrieben hat, auch den wesentlichen Teil zusammen, den ich mit seiner Literatur verbunden habe. Die Wut, die einen packt, wenn man die Dummheit der Menschen erlebt, und gleichzeitig weiß, zu welcher Größe sie eigentlich fähig wären.

Terry’s authorial voice is always Terry’s: genial, informed, sensible, drily amused. I suppose that, if you look quickly and are not paying attention, you might, perhaps, mistake it for jolly. But beneath any jollity there is a foundation of fury. Terry Pratchett is not one to go gentle into any night, good or otherwise.

He will rage, as he leaves, against so many things: stupidity, injustice, human foolishness and shortsightedness, not just the dying of the light. And, hand in hand with the anger, like an angel and a demon walking into the sunset, there is love: for human beings, in all our fallibility; for treasured objects; for stories; and ultimately and in all things, love for human dignity.

 

Diese Wut, diesen Zorn kann ich nachvollziehen, mir geht es ähnlich. Mich blockiert sie zum Teil so stark, dass ich kaum noch zur Handlung fähig bin. Im Unterschied zu Terrys Werken fehlt mir meist die hoffnungsvolle Sicht; was ihn zum satirischen Humanisten macht, macht mich leider zu häufig zum Zyniker. Vielleicht sollte ich wieder häufiger alte Scheibenwelt-Romane lesen, denn ich muss zugeben, dass sie mir doch häufig die Sicht auf die Welt erleichtert haben.

Neil schließt seinen Artikel mit einer sehr guten Idee:

I rage at the imminent loss of my friend. And I think, “What would Terry do with this anger?” Then I pick up my pen, and I start to write.

Ich wünsche mir, dass ich es lerne, meine eigene Wut auch in solche Kreativität kanalisieren zu können …

 

Diese wütende Intelligenz, gepaart mit einer unfassbaren Erzählgabe und einem unerschöpflichen Reservoir an skurrilen Ideen machte Terry Pratchett in meinen Augen zu einem der größten Genies unserer Zeit. Ich kann häufig nicht verstehen, wie alle Nase lang hochintellektuelle „Literaten“ für langweiliges Befindlichkeitsgeschreibsel abgefeiert werden, während das Feuilleton über Science-Fiction- und Fantasy-Autoren allgemein eher die Nase rümpft. Dabei ist das, was Terry geschaffen hat, wirklich hohe Kunst:

Wenn man sich einmal auf die skurrilen Scheibenwelt-Charaktere eingelassen hat, sind die Romane ein Heidenspaß [5]; ich glaube, viele U-Bahn-Mitreisende haben mich für verrückt erklärt, wenn ich auf dem Weg zur Uni tränen-giggelnd in einen seiner Romane versunken war, und dabei mehr als einmal meine Haltestelle verpasst habe [6].

Und dann legt man das Buch weg. Und denkt nach. Und es arbeitet in einem. Und der Abgang eines guten Whiskeys oder Weins breitet sich langsam der tiefgehende, charaktvervolle Abgang Terrys hochphilosophischer Betrachtungen über die Synapsen aus. Er verstand es wie kein zweiter, intelligente Lebensfragen subtil in interessante Plots zu verpacken.

Seine letzten Werke kamen mir zum Teil überfrachtet, überlastet vor. Ich hatte beim Lesen ein wenig das Gefühl, dass Terry wie ein Besessener schrieb, im verzweifelten Versuch, noch schnell all das zu sagen, was er noch sagen wollte. Und er hatte noch so viel zu sagen.

Tatsächlich hat Terry meiner Meinung nach sein „Spätwerk“, das Buch, in dem er seine Liebe zum Menschen am besten ausdrückt, schon 2008 geschieben: „Nation“ bzw. „Eine Insel“. Ich habe damals eine Rezension geschrieben, in der ich einen Teil dieses Nachrufs schon vorweg nahm.

Dass ausgerechnet ein so brillanter Kopf wie Terry Pratchett durch eine Krankheit wie Alzheimer niedergestreckt wurde, ist wohl die größte, bitterste Ironie des Lebens.

Wie TOD sagen würde:

THERE IS NO JUSTICE. THERE IS JUST ME!

 

Doch so deprimierend kann man einen Nachruf auf Terry Pratchett nicht beenden. Was bleibt, ist ein gewaltiges Werk, das uns bis zu unserem Lebensende begleiten wird und das wir dringend unseren Kindern und Enkeln nahebringen sollten. Ich behaupte, wer sein Welt- und Menschenbild von einer Scheibe, die von vier Elefanten auf einer gigantischen Weltraumschildkröte getragen werden, herleitet, kann kein schlechter Mensch werden.

Mit dieser großartigen Leistung ist ein ganz Großer von der Menschenbühne abgetreten. Und so lange sein Name weiter getragen wird [7], kann Sir Terry Pratchett nicht sterben!

„A man is not dead while his name is still spoken.“ – Going Postal, Chapter 4 prologue

 

Dortmund, 150317_1910

B.

 

 

P.S.: natürlich muss ein Nachruf auf Sir Terry Pratchett auch Fußnoten enthalten. Also:

[1] Fußnoten bzw. der zum Teil übermäßgige Gebrauch davon war ein beliebtes Stilmittel bei Terry Pratchett. Sie konnten selbst teilweise eine halbe Seite oder mehr einnehmen und erzeugten durch ihre Platzierung häufig einen völlig neuartigen, komischen Effekt

[2] und seines Assistenten Rob Wilkins

[3] Ich denke, wenn mal ein Alien auf die Erde kommt, und fragt: was ist der Mensch, dann drücke ihm die „Nachtwächter“-Reihe in die Hand und antworte: „Siehe, Nobby Nobbs.“[8]

[4] Das ist natürlich nur ein Übergangsjob, bis sich mein neues Geschäft von selbst trägt. Hast du eigentlich schon einmal überlegt, in ein Ferienhaus in Viericks zu investieren? Ich kann dir was vermitteln … nur 350 Ankh-Morpork-Dollar, plus Vermittlungsgebühr, und dabei treibe ich mich selbst in den Ruin …

[5] Wie einem jeder Theater-Mensch bestätigen wird, ist die Komödie die wahre hohe Kunst und schwierigste Disziplin. Tragödien sind dagegen ein Kinderspiel.

[6] Was wiederum völlig in Ordnung war, so konnte ich noch ein weiteres Kapitel lesen. Ich verstehe nicht, warum die Wissenschaft sich noch nicht um das erweiterte Raum-Zeit-Kontinuum gekümmert hat, das beim Lesen eines guten Buches entsteht. Was da an Zeit-Dilation geschieht, müsste eigentlich jeden Astrophysiker begeistern.

[7] die technisch Interessierten können sich ja gerne mal mal die http-Header, die dieser Server verschickt, ansehen …

[8] was nur gerecht ist, da Nobby Nobbs wohl der einzige Mensch ist, der ein verbrieftes Zertifikat des Patriziers hat, dass er ein Mensch ist

 

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