An alle Idioten, die sich Neo-Germanen schimpfen …

… ich glaube, die selbst bezeichnen sich als “Neo-Heiden“.

Ich bekomme ja immer Pickel, wenn ich irgendwelche selbsternannten deutschen Patrioten von den „Germanen“ schwärmen höre, und wenn sie dann aus falsch verstandenen Konsumkritik anfangen „Sonnwendfeiern“ und „Julfeste“ und was weiß ich noch für sonstige dämliche, zurecht auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandeter Brauchtümer wieder ausgraben, und sich dann gleichzeitig modern-patriotisch und ach-so-alternativ fühlen.

Sagen wir es mal deutlich: die Germanen waren ein Barbarenvolk, zu seiner Zeit hoffnungslos rückständig und sich kaum weiterentwickelnd. Dagegen stand die Großmacht Rom, zwar dekadent, aber ein Hort der Wissenschaft, Kunst und Kultur. Als Rom schwächelte und ein paar lumpige germanische Fürsten die Gunst der Stunde erkannten und Rom zerstörten, fiel Europa in das zurück, was man heute als „frühes Mittelalter“ bezeichnet; der englischsprachige Raum hat einen viel besseren Terminus für diese Zeit: „Dark Ages“, dunkles Zeitalter. Was da in ein paar Jahrhunderten an kulturellen Errungenschaften verloren ging, ist kaum zu beschreiben; man brauchte eine eigene Epoche, die Renaissance, um zumindest einen Teil davon wieder zu rekonstruieren.

Und das alles nur, weil all die primitiven Volksstämme, die das römische Reich überlebt hatten, nichts, aber auch gar nichts im Köcher hatten, was in der Lage gewesen wäre, die Leistungen der Römer, um die sie die gesamte bekannte Welt beneidete, über die Zeit zu retten. Auch die ach-so-tollen Germanen nicht.

Man kann sagen, dass die Römer zu ihrer Zeit kulturellen Imperialismus betrieben haben, genau so, wie es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die USA betrieben haben.

Im Nachhinein betrachtet finde ich zwar an den USA – und auch an der Art und Weise, wie sie mit Deutschland Politik betrieben haben – durchaus einiges kritikwürdig. Ihren vielfältigen kulturellen Einfluss will ich aber in keinster Weise missen. Lieber Rock ‘n Roll als Volksmusik, das ist die Devise.

Genau so, wenn ich mich in der Antike zwischen der römisch-dekadenten Hochkultur und germanisch stupidem Bauerntum hätte entscheiden müssen – ich weiß, welche Wahl ich getroffen hätte …

 

Ich habe hier ein wundervolles Zwiegespräch zweier meiner Lieblingskabarettisten – Georg Schramm und Jochen Malmsheimer – gefunden, die genau diesen Gedanken auf den Punkt bringen:

Schramm: Ich würde mit ihnen viel lieber über die Varusschlacht reden, über den Teutoburger Wald, über Hermann, den Cherusker, den Mythos …

Malmsheimer: Ja, ja, tu ich doch! Ich meine, der ganze Hype um den Arminius und die Varusschlacht, das ist doch der Airbag der Geschichte für die ganzen Dumpfdeutschtümler, die glauben, hierbei die Geburtsgeschichte der deutschen Nation zu erleben, anstatt sich den Gesichtsschädel an der Tatsache einzurennen, dass der verräterische Angriff dieses schlecht rasierten Provinzfürsten diesem Landstrich 600 Jahre neolithischer Finsternis beschert hat, verstehen sie? Während anderenorts Menschen im Licht der Öllampen sich der Dichtkunst ergaben, schneegekühlten Wein tranken und auf Wasserklosetts gingen, statt sich wie hierzulande ständig vor die eigene Hütte zu kacken, verstehen sie?

So isses. Fresst das, ihr nationalen neo-germanischen Hüttenkacker!

Dortmund, 120108_1627

B.

 

 

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